Atatürk’s Töchter
Frauenporträts aus Nürnberg’s Partnerstadt Antalya
Bekanntlich hatte Mustafa Kemal Atatürk keine Kinder. Aber mit der Adoption mehrerer Mädchen, deren Karriere er publizitätswirksam förderte (siehe das Beispiel Sabiha Gökçe, die erste Pilotin der Türkei) wollte er die Bedeutung der Frau für die Zukunft einer modernen und europäischen Türkei betonen.
Wenn heute, genau 80 Jahre nach der Republikgründung, das deutsch-türkische Filmemacherteam Gülseren Suzan und Jochen Menzel (transfers-film) in der Nürnberger Partnerstadt Antalya unter dem Arbeitstitel “Atatürks Töchter” nach der Rolle und dem Selbstverständnis der städtischen Frau fragen, wird man ein widersprüchliches und farbiges Bild erwarten dürfen. Voraussetzung für die Realisierung eines solchen Projekts waren die intensiven und seit vielen Jahren von Gülseren Suzan entwickelten engen Kontakte zu Frauenorganisationen in allen Regionen der Türkei.
Um die Frauenporträts auch in einen kulturellen Kontext stellen zu können, wurde für die Dreharbeiten die Zeit des Fastenmonats Ramadan (November 2003) gewählt.
Was die Filmemacher nach einem halben Jahr Vorbereitung und 3 Wochen Arbeit vor Ort schon jetzt sagen können:
So unterschiedlich die Lebensweise, Herkunft und die Gedankenwelt der Frauen ist: einig sind sich alle Vier in der Anerkennung Atatürk’s Reformen für die Freiheit und Emanzipation der türkischen Frau. Damit aber sind die Gemeinsamkeiten fast schon erschöpft: denn gegen-Ssätzlicher könnten die Lebenswelten der Frauen nicht sein.
Da ist z.B. die 49 - jährige Chemieprofessorin Tomris und ehemalige stellvertretende Rektorin der Mittelmeer-Universität (Akdeniz-Universität) von Antalya.
Erst Anfang November von einem wissenschaftlichen Kongress aus Mailand zurückgekehrt, treffen wir sie nun an der Universität im Labor oder im Vorlesungssaal mit ihren Studenten. Als viel beschäftigte Autorin erscheinen ihre Publikationen in Holland oder New York. Die nächsten Termine in Tunis oder in Malaysia, wo sie über ihre Forschung sprechen wird, stehen bereits fest.
Um sich körperlich gesund zu halten, besucht sie an den Wochenenden mit einem ihrer beiden Söhne, der Medizin studiert, ein Fitnessstudio in Antalya.Befragt nach ihrer Meinung zum aktuellen Kopftuch-Streit: für sie eindeutig ein politisches Symbol, das keinen Platz haben darf weder an der Universität noch in einer europäischen Türkei. In krassem Gegensatz dazu der Lebensentwurf der 34- jährigen Aysegül. Mit einem Biologielehrer verheiratet, führt sie als Mutter von zwei Töchtern ein religiös ausgerichtetes Leben. Sie hatte sich schon als Gymnasiastin - im übrigen als einzige ihrer Familie - entschlossen, ein Kopftuch zu tragen. Sie bedeckt sich auch in den heissen Sommermonaten Antalya’s und sogar am Strand trägt sie gemeinsam mit der 14-jährigen Tochter lange, eigens für das Schwimmen entworfene, den ganzen Körper umhüllende Badekleider.
Frauenporträts aus Nürnberg’s Partnerstadt Antalya
Bekanntlich hatte Mustafa Kemal Atatürk keine Kinder. Aber mit der Adoption mehrerer Mädchen, deren Karriere er publizitätswirksam förderte (siehe das Beispiel Sabiha Gökçe, die erste Pilotin der Türkei) wollte er die Bedeutung der Frau für die Zukunft einer modernen und europäischen Türkei betonen.
Wenn heute, genau 80 Jahre nach der Republikgründung, das deutsch-türkische Filmemacherteam Gülseren Suzan und Jochen Menzel (transfers-film) in der Nürnberger Partnerstadt Antalya unter dem Arbeitstitel “Atatürks Töchter” nach der Rolle und dem Selbstverständnis der städtischen Frau fragen, wird man ein widersprüchliches und farbiges Bild erwarten dürfen. Voraussetzung für die Realisierung eines solchen Projekts waren die intensiven und seit vielen Jahren von Gülseren Suzan entwickelten engen Kontakte zu Frauenorganisationen in allen Regionen der Türkei.
Um die Frauenporträts auch in einen kulturellen Kontext stellen zu können, wurde für die Dreharbeiten die Zeit des Fastenmonats Ramadan (November 2003) gewählt.
Was die Filmemacher nach einem halben Jahr Vorbereitung und 3 Wochen Arbeit vor Ort schon jetzt sagen können:
So unterschiedlich die Lebensweise, Herkunft und die Gedankenwelt der Frauen ist: einig sind sich alle Vier in der Anerkennung Atatürk’s Reformen für die Freiheit und Emanzipation der türkischen Frau. Damit aber sind die Gemeinsamkeiten fast schon erschöpft: denn gegen-Ssätzlicher könnten die Lebenswelten der Frauen nicht sein.
Da ist z.B. die 49 - jährige Chemieprofessorin Tomris und ehemalige stellvertretende Rektorin der Mittelmeer-Universität (Akdeniz-Universität) von Antalya.
Erst Anfang November von einem wissenschaftlichen Kongress aus Mailand zurückgekehrt, treffen wir sie nun an der Universität im Labor oder im Vorlesungssaal mit ihren Studenten. Als viel beschäftigte Autorin erscheinen ihre Publikationen in Holland oder New York. Die nächsten Termine in Tunis oder in Malaysia, wo sie über ihre Forschung sprechen wird, stehen bereits fest.
Um sich körperlich gesund zu halten, besucht sie an den Wochenenden mit einem ihrer beiden Söhne, der Medizin studiert, ein Fitnessstudio in Antalya.Befragt nach ihrer Meinung zum aktuellen Kopftuch-Streit: für sie eindeutig ein politisches Symbol, das keinen Platz haben darf weder an der Universität noch in einer europäischen Türkei. In krassem Gegensatz dazu der Lebensentwurf der 34- jährigen Aysegül. Mit einem Biologielehrer verheiratet, führt sie als Mutter von zwei Töchtern ein religiös ausgerichtetes Leben. Sie hatte sich schon als Gymnasiastin - im übrigen als einzige ihrer Familie - entschlossen, ein Kopftuch zu tragen. Sie bedeckt sich auch in den heissen Sommermonaten Antalya’s und sogar am Strand trägt sie gemeinsam mit der 14-jährigen Tochter lange, eigens für das Schwimmen entworfene, den ganzen Körper umhüllende Badekleider.
Ihr Tag ist sowohl der Familie als auch der Frauenarbeit der AK- Partei (Regierungspartei Erdogans) gewidmet, in der sie eine Frauenabteilung stellvertretend leitet. An einigen Nachmittagen besucht sie einen Computerkurs, um einmal berufstätig werden zu können. Während des Fastenmonats Ramadan ist sie oft bis Mitternacht mit anderen Frauen der Partei unterwegs zu armen Familien, um Lebensmittelpakete zu verteilen.
Antalya ist die türkische Tourismus-Stadt. Daher befindet sich unter den porträtierten Frauen auch Dilara, die bekannteste Tänzerin der Stadt. Mit der Kamera begleiten wir sie zu ihrer Arbeit in die Hotels, wo sie vor Urlaubern auftritt. Seit 18 Jahren übt sie diesen Beruf aus. Ob bei türkischen Hochzeiten oder in den Touristenhotels - überall wird sie gebraucht. Trotzdem aber beklagt sie ihr marginalisiertes Dasein. Denn ihre Arbeit, die sie gerne als Beruf, als Kunst anerkannt sähe, muss sie vor einigen ihrer Verwandten verschweigen. Sie lebt alleine, findet vor allem Verständnis im Kreis anderer Tänzerinnen, mit denen sie sich nach der Arbeit trifft. Die Erziehung und Versorgung der 8-jährigen Tochter teilt sie sich einvernehmlich mit ihrem Exmann.
Wie die meisten türkischen Großstädte leidet auch Antalya unter der Binnenmigration. Jahr für Jahr strömen Menschen aus der ländlichen Türkei in die Stadt und lassen sich in Gecekondus, den über Nacht gebauten Provisorien, nieder.In einem dieser Gecekondus lebt seit nunmehr 33 Jahren die 57-jährige Hatice mit Mann und einem Sohn. Sie waren damals aus Kas nach Antalya gekommen. Ihr Mann fand Arbeit in der Küche eines Hotels. Heute verdient Hatice mit der Betreuung eines Kindes ein Zubrot zur kargen Rente des Mannes.
In ihrem Garten spazieren Hühner umher, einige Nachbarn halten sogar Schafe und Ziegen. Und um sie herum sind inzwischen Hochhäuser in den Himmel gewachsen. Ihr Haus ist bis heute weder im Grundbuch eingetragen, noch ist die Zukunft gewiss. Denn genau auf diesem Areal soll ein städtischer Park entstehen. Sie aber hat sich zusammen mit den anderen 20 Familien entschlossen zu bleiben.
Auch Hatice ist eine der vier “Töchter” Atatürks”, die Gülseren Suzan und Jochen Menzel porträtieren.
So widersprüchlich die Frauenporträts auch ausfallen werden, so bleiben sie doch typisch für die städtische türkische Gesellschaft und ihre vielen ungelösten Probleme. Denn wer die Türkei begreifen will, muss bereit sein das Nebeneinander von ungewöhnlich gegensätzlichen Lebensentwürfen zu verstehen. Auch eine der Hinterlassenschaften Atatürk’s.
Antalya, 28.11.03
Buch/Regie: Gülseren Suzan
Produktion: transfers-film
Antalya ist die türkische Tourismus-Stadt. Daher befindet sich unter den porträtierten Frauen auch Dilara, die bekannteste Tänzerin der Stadt. Mit der Kamera begleiten wir sie zu ihrer Arbeit in die Hotels, wo sie vor Urlaubern auftritt. Seit 18 Jahren übt sie diesen Beruf aus. Ob bei türkischen Hochzeiten oder in den Touristenhotels - überall wird sie gebraucht. Trotzdem aber beklagt sie ihr marginalisiertes Dasein. Denn ihre Arbeit, die sie gerne als Beruf, als Kunst anerkannt sähe, muss sie vor einigen ihrer Verwandten verschweigen. Sie lebt alleine, findet vor allem Verständnis im Kreis anderer Tänzerinnen, mit denen sie sich nach der Arbeit trifft. Die Erziehung und Versorgung der 8-jährigen Tochter teilt sie sich einvernehmlich mit ihrem Exmann.
Wie die meisten türkischen Großstädte leidet auch Antalya unter der Binnenmigration. Jahr für Jahr strömen Menschen aus der ländlichen Türkei in die Stadt und lassen sich in Gecekondus, den über Nacht gebauten Provisorien, nieder.In einem dieser Gecekondus lebt seit nunmehr 33 Jahren die 57-jährige Hatice mit Mann und einem Sohn. Sie waren damals aus Kas nach Antalya gekommen. Ihr Mann fand Arbeit in der Küche eines Hotels. Heute verdient Hatice mit der Betreuung eines Kindes ein Zubrot zur kargen Rente des Mannes.
In ihrem Garten spazieren Hühner umher, einige Nachbarn halten sogar Schafe und Ziegen. Und um sie herum sind inzwischen Hochhäuser in den Himmel gewachsen. Ihr Haus ist bis heute weder im Grundbuch eingetragen, noch ist die Zukunft gewiss. Denn genau auf diesem Areal soll ein städtischer Park entstehen. Sie aber hat sich zusammen mit den anderen 20 Familien entschlossen zu bleiben.
Auch Hatice ist eine der vier “Töchter” Atatürks”, die Gülseren Suzan und Jochen Menzel porträtieren.
So widersprüchlich die Frauenporträts auch ausfallen werden, so bleiben sie doch typisch für die städtische türkische Gesellschaft und ihre vielen ungelösten Probleme. Denn wer die Türkei begreifen will, muss bereit sein das Nebeneinander von ungewöhnlich gegensätzlichen Lebensentwürfen zu verstehen. Auch eine der Hinterlassenschaften Atatürk’s.
Antalya, 28.11.03
Buch/Regie: Gülseren Suzan
Produktion: transfers-film